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KLEINE ZEITUNG Ausgabe Sonntag, 30. Juli 2017 -  WESTSTEIER, Seite 30/31

„ER DENKT KIRCHE NEU“ – SOMMERGESPRÄCH

Pfarrer Johann Fuchs, der Initiator der „Musica Sacra“ – Konzerte, spricht über Aufholbedarf in der Kirche. Von Katharina Pillmayr

K.P.: Wir sitzen neben dem Gestüt Piber, einer Hauptattraktion im Bezirk. Ließe sich touristisch mehr aus der Region herausholen?

JF.: Es ist schon wichtig, dass man Fixhaken hat, aber auch, dass drumherum etwas wachsen und sich entfalten kann. Die Tagesausflüge sind sehr penibel durchgeplant. Ein bisschen in der Kirche verweilen oder sich wohin setzen und genießen, ist fast nicht mehr möglich.

K.P.: Ein Besuchermagnet ist mittlerweile auch „Musica Sacra“. Was macht die Konzertreihe so besonders?

J.F.: Wir haben 2002 eine neue Orgel bekommen und wollten diese auch außerhalb der Gottesdienste zu Gehör bringen. Nachdem wir im Rahmenprogramm der Landesausstellung waren, wuchs die Reihe sukzessive. Der Kirchenraum hat eine atemberaubende Akustik. Es ist irrsinnig schön, hier zu musizieren und es kommt sehr viel zurück.

K.P.: Im diesjährigen Jubiläumsjahr widmet man sich der Reformation, sehen Sie Potenzial für eine ausgeprägte ökumenische Zusammenarbeit im Bezirk?

J.F.: Wir haben versucht, ein musikalisches Zeichen zu setzen und unseren Leuten zu zeigen, wie sehr unsere Kirchenmusik von der evangelischen lebt. Ich würde sagen, es ist ein ökumenisches Signal ohne direkte Bemühungen, bewusst etwas zu machen. Zusammenarbeit gibt es, wo sie gewünscht ist.

K.P.: Woher kommt Ihre Leidenschaft für Barockmusik?

J.F.: Ich singe seit meiner Studienzeit in Chören und habe daher eine sehr tiefe Beziehung zu hochwertiger Kirchenmusik. Wenn es gut gemacht ist, packt das die Leute.
Für mich ist in der Musik unheimlich viel Theologie gespeichert. Man braucht nicht viel predigen, die Musik wirkt. Durch sie wird der Text, in dem alle Lebensmöglichkeiten des Menschen enthalten sind, unterstrichen – Trauer, Angst, Erschütterung, Freude.
Das spürt auch ein Mensch ohne musikalische und theologische Vorbildung und er kann zumindest für einen Moment aus der 0815-Berieselung ausbrechen.

K.P.: Sind die Menschen der Pfarre Piber treu?

J.F.: Sagen wir so – eine bestimmte Generation. Das verdünnt sich auch. Grundsätzlich bin ich zufrieden mit der Anzahl der Gottesdienstbesucher. Die Piberer Pfarrleute sind bemüht, die Pfarre einladend zu gestalten. Dafür bin ich sehr dankbar.
Was uns fehlt, sind die Kinder und Jugendlichen. Das ist schon auffallend. Derzeit haben wir einen großen Engpass.

K.P.: Sie sind Religionslehrer – ist es „cool“, an Gott zu glauben?

J.F.: Nein, es ist für die Jungen nicht „cool“ in die Kirche zu gehen. Die einzigen kirchlichen Aktivitäten sind die Mette und die Osterspeisensegnung. Später auch Taufen von Kindern ehemaliger Schüler und Trauungen. Als Religionslehrer versucht man, eine Brücke zum realen Leben zu schlagen. Es ist wohl die größte Herausforderung in dem Beruf, dass bei den Jungen auch ankommt, was man sagt. Manchmal hat man das Gefühl, es ist vergebliche Mühe.

K.P.: Woran liegt es, dass die Jungen nicht mehr in die Kirchen gehen?

J.F.: Die Jungen sind nicht die Alleinschuldigen. Fast 90 Prozent der Kinder werden getauft, darin besteht fast ein Anspruch. Aber die Eltern erfüllen ihr Versprechen nicht.
Da ist für mich die Bruchstelle. Nicht einmal bei der Firmung sind die meisten Jungen motiviert. Viele machen nur mit, um ein Geschenk zu bekommen. Das sagen sie sogar.
Ich glaube, deren Elterngeneration hat ausgelassen.

K.P.: Wie wollen sie Menschen in die Kirche zurückholen?

J.F.: Ich glaube nicht, dass man Druck ausüben kann, damit die Leute wieder fromm werden. Das Leben bringt sie oft zurück. Wenn es hart auf hart kommt, wird Glaube plötzlich Thema.

K.P.: Sind die Weststeirer schwerer zugänglich?

J.F.: Es braucht länger, bis ein Echo kommt. Ich war Kaplan im Murtal, dort sind die Menschen geradliniger. Hier ist das ein bisschen schwammiger. Viele Weststeirer warten lieber ein bisschen ab, bevor sie sich entscheiden und etwas tun.

K.P.: Was hat sie bewogen, im Bezirk zu bleiben?

J.F.: Ich bin ja ein Weststeirer. Piber hat eine eigene Energie und Bindungskraft. Ich sitze gerne hier auf dieser Bank vor der Kirche und überlege mir meine Predigten. Das ist mein Kraftplatz. Und den Weinhang habe ich auch. Ich komme aus der Schilchergegend. Wein anzubauen war immer schon mein Wunsch. Früher war das eine wilde Gstätten. Ein befreundeter Winzer sagte, der Südhang mit der Mauer wäre ein perfekter Platz für Schilcher. Aber es ist nicht viel, nur für den Hausgebrauch.

K.P.: Kommen wir zu einem anderen Thema. Sehen Sie irgendwo Aufholbedarf in der Kirche?

J.F.: Man kann an zwei Händen abzählen, wie lange es dauern wird, bis die Priester im Dekanat ein Durchschnittsalter von 70 Jahren haben. Da muss etwas passieren! Es reicht nicht, auf irgendeiner Karte irgendwelche strategischen Schachzüge zu machen.
Die Pfarren Piber, Graden, Salla sind gewachsene Gemeinden, ich kann die nicht nur als Verwaltungseinheit sehen. Das ist eine Todesspirale. Wenn die Kirche nicht mehr fähig ist, Beziehung durch einen Menschen – ob Frau oder Mann – aufrechtzuerhalten, der die Gemeinde zusammenhält, dann ist es, wie wenn Post und Polizei alles abziehen. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen.

K.P.: Glauben Sie, Frauen würden anders agieren als Priester?

J.F.: Sicher. Das Potenzial der Frauen ist anders. Frauen sind intuitiver, weniger vom Hirn gesteuert. Sie haben eine wärmere Energie. Es ist nicht mehr zu halten, Frauen auszuschließen.

K.P.: Haben Sie es bereut, keine Familie zu haben?

J.F.: Manchmal schon. Man erfährt Rückhalt von der Gemeinde, aber oft auch aus einem gewissen Eigennutz heraus. Ich glaube, dass es die Berufung zur Ehelosigkeit gibt, aber genau so die Berufung zu Priestertum und Ehe. Das schließt sich gegenseitig nicht aus, sondern wird ausgeschlossen. Die kirchliche Gesetzgebung ist durchaus willkürlich.

 

Katharina Pillmayr: Ein Kämpfer im Kleinen

Unkonventionell, progressiv, ungemütlich – diese Eigenschaften beschreiben Pfarrer Johann Fuchs. Und zwar nicht nur deshalb, weil er gerne mit dem Oldtimer-Motorrad fährt und am Südhang der Pfarrkirche Piber Wein keltert.
Er ist auch ein Priester, der nicht davor zurückschreckt, Tacheles zu reden.
Wenn er offen sagt, dass er es begrüßen würde, Frauen an der Kanzel zu sehen und sich Ehe und Priestertum nicht per se ausschließen würden, hat er sich bestimmt nicht selten unbeliebt bei Vorgesetzten, Kollegen und auch bei den Kirchgängern gemacht. Auch wenn der Weststeirer in der kirchlichen Hierarchie zu weit unten ist, um die Strukturen der Kirche umzukrempeln, hat er Einfluss im Kleinen.
Und wenn es mehrere wie ihn gibt, die sich dafür einsetzen, antiquierte Zustände zu beseitigen, wird Änderung möglich sein. Und damit ein Schritt in eine Zukunft der modernen Kirche. Die die reale Lebenswelt der Menschen abbildet.

Zitiert aus: KLEINE ZEITUNG, Ausgabe Sonntag, 30. Juli 2017 - Weststeier Seiten 30 /31